Die Cholera und der Suez-Kanal. Die britische Debatte über Robert Kochs Theorie des Cholerabazillus – Mariko Ogawa

Zwischen 1830 und dem ersten Weltkrieg rollen sechs große Choleraepidemien über Europa hinweg. Die fünfte davon grassiert 1883/1884 und ruft vor dem Hintergrund des Suez-Kanals als neuem potentiellen Übertragungsweg einen Streit zwischen britischen, französischen und deutschen Kontagionisten und Anti-Kontagionisten hervor, der sich bei Weitem nicht nur an medizinischen und hygienischen, sondern auch an politischen und ökonomischen Fragen entzündet. Die Wissenschaftshistorikerin Mariko Ogawa vollzieht die Diskussionen und Expeditionen nach, die für oder wider die Keimtheorie ins Feld geführt werden. Um den Verdacht zu erhärten oder zu zerstreuen, dass Schiffe über den Suez-Kanal die Cholera aus Ägypten eingeschleppt haben, sendet das Empire 1883 William Guyer Hunter nach Ägypten, der in den enscheidenden Jahren der Identifikation des Cholerakeims Robert Kochs Theorie eines Cholerabazillus widerlegen soll. Eine solche Widerlegung und damit die Abschaffung von Quarantänemaßnahmen als nutzlos liegt vor allem im Interesse der britischen Wirtschaft. Der Seeweg zwischen Großbritannien und Indien wird durch den Kanal um bis zu 41% verkürzt, 80% der britischen Tonnage werden durch ihn transportiert. Auch ist durch die britische Regierung bereits eine beträchtliche Geldsumme für die Aushebung eines Parallelkanals veranschlagt, dessen Wert durch eine Bestätigung der Kochschen Theorie extrem sinken würde. Als die fünfte große Choleraepidemie in Ägypten (zu dieser Zeit faktisch ein britisches Protektorat) bis zu 50000 Todesopfer fordert, schickt Großbritannien Hunter los. Er untersucht dabei vor allem die hygienischen Zustände, ein schlecht ausgestattetes Labor in Kairo, in dem keine Keimkulturen angelegt werden können, untersucht das Wasser mit erwartungsgemäß wenig verwendbaren Befunden. Kurz nach Hunter starten auch eine deutsche Untersuchungskommission unter Robert Koch persönlich und eine französische Kommission, die von Louis Pasteur zusammengestellt, aber nicht begleitet wird. Beide haben damit zu kämpfen, dass nach der Hochzeit der Epidemie nicht genug „frische“ Choleraleichen zur Untersuchung zur Verfügung stehen und Koch gelingt es nicht, die mitgebrachten Versuchstiere mit der Cholera zu infizieren, wodurch er seine eigenen Postulate zum Nachweis des Krankheitserregers nicht erfüllen kann. Trotz des ausbleibenden Erfolges werden die Rückkehrer im Kaiserreich 1884 mit Auszeichnungen und Prämien belohnt. Um eine mikrobiologische Erwiderung auf Kochs Theorie vom Cholerabazillus zu finden, werden im selben Jahr die Doktoren Klein und Gibbes aus England hochbezahlt nach Ägypten geschickt (die Wahl fällt auf die beiden, da die meisten anderen Kandidaten Anhänger Kochs sind, die Politik arbeitet also gegen den wissenschaftlichen Mainstream im Land). Klein bemerkt tatsächlich einige logische Schwächen in Kochs Theorie, die sich auf kaum vorkommende direkte Ansteckung und die damals gängige kontagionistische Sichtweise beziehen. Sein Forschungsbericht, der nicht in den großen, aktuellsten Fachzeitschriften in England erscheint, bleibt letztlich wirkungslos. Das Beispiel dieser Epidemie illustriert allerdings sehr anschaulich die politischen und ökonomischen Verstrickungen verschiedener Länder in den scheinbar bloß wissenschaftlichen Streit um die Ansteckungstheorie.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in: P. Sarasin u. a. (Hrsg.): Bakteriologie und Moderne. Studien zur Biopolitik des Unsichtbaren 1870-1920. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag 2007.

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